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Chernarussland 2018...



An einem sonnigen Tag anfang Juni saß der chernarussische Präsident Michail Jegor Golowin an seinem Schreibtisch und schrieb an der Rede, welche er anlässlich des bevorstehenden Unabhängigkeitstages des Landes im Radio halten würde. 20 Jahre Unabhängigkeit von Russland...


Er dachte zurück an diese Jahre und überschlug im Kopf, welche Ereignisse er in seiner Rede unterschlagen würde. Unter den Tisch fallen würde zweifelsohne die Tatsache, wie vor 15 Jahren publik geworden war, dass das chernarussische Militär von Tisy aus den russischen Funk abgehört und mitgeschnitten hatte. Auch die darauf folgenden, aber unerfüllten Vorderungen der Russen, sowie die schmähliche Tatsache, dass die Russen schließlich einmarschierten und für fast drei Jahre das Land besetzt hielten, würde ungesagt bleiben. Kein Wort über die damals herrschende Unruhe unter der Bevölkerung und erst recht nicht über das Eingreifen der UN, welche in den folgenden Jahren dafür sorgte, dass die Lage sich entspannte, bis endlich sowohl die russischen, als auch die Blauhelmtruppen wieder abzogen. Golowin hätte gerne löblich den zu dieser Zeit beginnenden Wiederaufbau erwähnt, doch damit hätte er eingestanden, dass die Unabhängigkeit de facto erst vor sieben Jahren wieder richtig begonnen hatte...


Nein, lieber würde er den momentanen wirtschaftlichen Aufschwung des Landes besonders hervorheben. Golowin setzte gerade den Stift auf das Papier, als sein Telefon klingelte. Seine Sekretärin meldete den Bürgermeister von Elektrozavodsk in Leitung 2 und wies den Präsidenten umsichtigerweise darauf hin, dass der Anrufer überaus aufgeregt klinge. Das Telefonat war dann recht kurz und Golowins Teilnahme daran beschränkte sich auf mehrfaches "Ja, verstehe" und dem Versprechen, sich unverzüglich um die Angelegenheit zu kümmern. Nachdem er den Höhrer wieder aufgelegt hatte, starrte er seufzend auf seine angefangene Rede. Der beinahe hysterisch vorgebrachte Bericht des Bürgermeisters über eine an der Küste ausgebrochene Seuche passten ihm gerade gar nicht in den Kram. Zum einen hatte der Mann sicher maßlos übertrieben, zum anderen waren die Vorbereitungen für die kommenden Festlichkeiten wichtiger. Und so widmte sich Golowin wieder seiner Rede, in welcher nun auch eine angebliche Seuche unerwähnt bleiben sollte...


...


Knapp zwei Wochen später lauschten in Chernogorsk neun Personen, welche mehr oder weniger durch Zufall zusammengewürfelt worden waren und sich bangend um ein altes Radio drängten, der von Rauschen und Knacken unterbrochenen Dauerschleife...


"Dies ist eine Mitteilung der Regierung! Hiermit rufen wir den Ausnahmezustand aus!"

"Bleiben Sie in ihren Häusern, halten Sie Fenster und Türen verschlossen!"

"Bewahren Sie Ruhe, verhalten Sie sich still und warten Sie auf weitere Anweisungen!"



Einer der Zuhörer blickte schließlich auf und sagte mit gesenkter Stimme, dass im Funkverkehr gestern zudem noch davon abgeraten worden sei, zu versuchen über die Grenze zu gelangen, da sämtliche Straßen verstopft wären und Berichten zufolge auch in anderen Ländern Infizierte gesichtet worden seien. Noch während er sprach, ertönte von draußen das Rattern von Maschinengewehrsalven und er trat an eines der Fenster, schob den zugezogenen Vorhang etwas zur Seite und spähte nach draußen...



"Dies ist eine Mitteilung der Regierung! Hiermit rufen wir den Ausnahmezustand aus!"

"Bleiben Sie in ihren Häusern, halten Sie Fenster und Türen verschlossen!"

"Bewahren Sie Ruhe, verhalten Sie sich still und warten Sie auf weitere Anweisungen!"



Das einzige Kind in ihrer Runde begann zu weinen, nicht nur aus Angst, sondern vor allem weil die Küche des kleinen Appartements kaum noch Nahrung bot und sie sich alles streng rationierten. Bald schon würde einer von ihnen nach draußen gehen müssen, um Vorräte zu beschaffen. Nach draußen, wo seit Tagen Chaos, Plünderungen, Gewalt und Irrsinn herrschten...



"Dies ist eine Mitteilung der Regierung! Hiermit rufen wir den Ausnahmezustand aus!"

"Bleiben Sie in ihren Häusern, halten Sie Fenster und Türen verschlossen!"

"Bewahren Sie Ruhe, verhalten Sie sich still und warten Sie auf weitere Anweisungen!"



Ein immer lauter werdendes Brummen, gepaart mit einer spürbaren Vibration ließ auch die anderen zum Fenster eilen, wo sie entsetzt die Augen aufrissen und dem viel zu tief fliegenden Flugzeug nachsahen, bis es hinter den Dächern der Häuser verschwunden war. Kurz darauf ein ohrenbetäubender Knall, gefolgt von mehreren Explosionen... Was keiner von ihnen wusste, war dass hier gerade eines der letzten verfügbaren Flugzeuge mit ranghohen Persönlichkeiten an Bord auf dem Weg außer Landes frontal in das bekannteste Hotel der Stadt geflogen war, nachdem der Pilot kollabiert und unter den Passagieren eine Panik ausgebrochen war...



"Dies ist eine Mitteilung der Regierung! Hiermit rufen wir den Ausnahmezustand aus!"

"Bleiben Sie in ihren Häusern, halten Sie Fenster und Türen verschlossen!"

"Bewahren Sie Ruhe, verhalten Sie sich still und warten Sie auf weitere Anweisungen!"


...

Etwa drei Tage darauf schaltet Kornej Sokolow mit einem verächtlichen Schnauben das Radio aus, welches seit mehreren Stunden nur noch ein gleichbleibendes Rauschen von sich gegeben hatte. "Warten Sie auf weitere Anweisungen... Am Arsch!" grollte er. Kornej hatte es gleich gewusst, schon in seiner Heimatstadt Berezino, wo er still wie eine Maus in seinem verbarrikadierten Haus ausgeharrt hatte, war ihm durch das was er hörte uns sah klar gewesen, dass er sich selbst helfen musste. Als er dann auch noch seine nächsten Nachbarn schreien hörte, bis ihr Gekreische endlich in gnädiger Stille endete, da hatte er seine Sachen gepackt, auf einen günstigen Moment gewartet und war in sein Auto gesprungen.

Mit Vollgas war er die Straße entlang gebrettert, wo von allen Seiten diese Spukgestalten auf ihn einstürmten und war dann in Richtung Svetlojarsk gefahren. Auf Höhe des alten Schiffswracks, einem Überbleibsel der russischen Offensive vor etwa 15 Jahren, sah Kornej im Rückspiegel dass er die Monster abgehängt hatte. Sein Herzschlag hatte sich gerade einigermaßen beruhigt, als er an eine Straßensperre gelangte, wo ihm eine Hand voll Soldaten entgegen blickte. Von diesen erfuhr er, dass Svetlojarsk aufgegeben worden sei, ansonsten schienen sie Kornej ziemlich planlos und als er gewendet hatte, um ein Stück zurück liegend den Weg nach Krasnostav zu nehmen, da kamen ihm die Soldaten regelrecht verloren vor, als ob man sie an diesem erbärmlichen Kontrollpunkt vergessen hätte...


In Erinnerung daran schüttelte Kornej den Kopf und studierte dann weiter die Landkarte, welche er auf dem Lenkrad vor sich ausgebreitet hatte. Er fuhr mit dem Zeigefinger die verschiedenen Straßen nach, welche er nehmen könnte. Dann dachte er über die Möglichkeiten nach, welche ihm offen standen, die Optionen und verschiedenen Wege, welche er wählen konnte... Schließlich legte er die Karte auf den Beifahrersitz, drehte den Zündschlüssel und lenkte das Auto auf den Weg, für welchen er sich entschieden hatte...